Nachtaufnahmen und Langzeitbelichtungen

Perfekte Wischer mit starken ND Filtern. 

Perfekte Wischer mit starken ND Filtern. 

 

«Why are my pictures so blurry – warum sind meine Bilder so unscharf?», fragte die englische Touristin in einem leicht enttäuschten Unterton. Ein kurzer Blick auf ihre Kameraeinstellungen
löste das Problem: Bei einer Brennweite von 200 mm war die Verschlusszeit von 1 / 8 s natürlich viel zu lang – selbst ein ausgezeichneter Bildstabilisator kann hier nur einen Teil der Verwackelung wettmachen. Verwackelte Bilder können nur durch eine angemessene Verschlusszeit oder ein Stativ verhindert werden. Der vermeintliche Fehler hat aber andererseits einen gestalterischen Reiz. Richtig angewendet sorgt eine verlängerte Verschlusszeit für interessantere Bilder. Langzeitbelichtungen können ein gewichtiges
Problem lösen: Im besten Fall können nämlich störende Elemente aus dem Bild verbannt werden – und das erst noch ohne Retusche. So verschwinden beispielsweise Menschen und Fahrzeuge wie weggezaubert aus dem Bild, sofern sie sich während der Belichtungszeit
durch das Bild bewegen. Statische Objekte wie Gebäude hingegen bleiben logischerweise immer sichtbar.

Andererseits machen Langzeitbelichtungen Dinge sichtbar, die von blossem
Auge so nicht zu sehen sind, wie etwa Leuchtspuren von Fahrzeugen oder Sternbahnen während der Nacht.
Langzeitbelichtungen sind jedoch nicht nur in der Nacht möglich, sondern auch am helllichten Tag. Allerdings ist hier ein kleiner Trick im Spiel. Das Bild des Wasserfalls auf dieser Seite wurde mit Hilfe eines neutralen Graudichtefilters (auch ND  -  Filter genannt) aufgenommen. Herkömmliche Filter sperren je nach Dichte bis zu maximal zehn Licht- werte (Zeit- oder Blendenstufen). Wer sich mehr Flexibilität wünscht, sollte sich die variablen Varianten dieses Filters näher ansehen. Variable Graudichtefilter werden viel im Videobereich benutzt. Sie bestehen aus zwei Polarisationsfolien, die in einer Drehfassung eingelassen sind. Dreht man an der Fassung in eine Richtung, dunkelt sich das Bild mehr und mehr ab. Dadurch kann man sich als Anwender den Kauf mehrerer Filter ersparen. Es lohnt sich aber der Farbwiedergabe zuliebe in gute Qualität zu investieren. Unterschieden wird zudem in Schraubfilter, welche genau der Gewindegrösse des Objektivs entsprechen müssen und Einschubfilter, die mittels Filterhalter befestigt werden. Letztere sind flexibler, weil es nicht für jeden Objektivdurchmesser einen anderen Filter erfordert, dafür können sie in der Regel nicht rotiert werden, wie das bei variablen ND  -  Filtern der Fall ist. Für Nachtaufnahmen werden diese Filter kaum gebraucht – es sei denn, Sie wünschen ultralange Verschlusszeiten. Das wohl wichtigste Zubehör für Langzeitbelichtungen ist ein Stativ. Je massiver dieses gebaut ist, desto besser, denn es darf sich während der Belichtung wirklich nicht im geringsten bewegen, selbst wenn ein starker Wind bläst. Profifotografen beschweren ihre Stative oft zusätzlich mit Sandsäcken oder ähnlichen Gewichten, um jede Gefahr einer Verwackelung auszuschliessen.
Es ist Ansichtssache, ob man als Fotograf einen Getriebeneiger oder einen Kugelkopf bevorzugt. Ein guter Kugelkopf lässt blitzschnelles Umschwenken vom Quer- auf‘s Hochformat zu. Ein Getriebeneiger ist allerdings komfortabler einzustellen. Gerade mit der in vielen Kameras verfügbaren Funktion des künstlichen Horizonts lässt sich die Kamera letztlich nicht nur präziser, sondern auch noch schneller justieren.

Als weiteres Zubehör empfiehlt sich die Verwendung einer Fernbedienung. Diese sollte die Bulb  -  Funktion der Kamera unterstützen. Draht- und Kabelauslöser verfügen dazu über eine arretierbare Auslösungsvorrichtung. Wird ein Infrarot- oder ein Funkauslöser verwendet, muss
jeweils zum Öffnen und zum Schliessen des Verschlusses ausgelöst werden. Wird die Spiegelvorauslösung verwendet – was sich absolut lohnt – muss man daran denken, dass zuerst der Spiegel hochgeklappt und dann erst die Belichtung ausgelöst wird. Bei einem Funkauslöser ist die Verwendung von Spiegelvorauslösung und Bulb-Funktion gleichzeitig nicht vorgesehen: Während die Spiegelvorauslösung bei programmierbaren Zeiten – in der Regel bis 30 Sekunden – einwand- frei funktioniert (erster Druck auf den Auslöser: Spiegel klappt hoch, zweiter Druck: Belichtung startet) – mussten wir bei der Verwendung eines Pocket Wizard den Druck auf den Auslöser während der ganzen gewünschten Belichtungszeit nieder gedrückt halten. Hingegen wäre der Anschluss an ein Laptop oder die Verwendung des ioShutters sinnvoll. Das Laptop bietet unschlagbare Vorteile: Ist nämlich eine Software zur Steuerung der Kamera installiert, so lassen sich Parameter wie Zeit, Blende, ISO-Einstellung oder auch Belichtungskorrekturen vornehmen, ohne, dass man dazu die Kamera berühren muss. Das ist insbesondere dann wünschenswert, wenn sich die Kamera in einer schwierig zugänglichen Position befindet oder beispielsweise für Dokumentationen und wissenschaftliche Arbeiten nicht einmal um Zehntelsmilimeter bewegen darf. Relativ neu auf dem Markt ist der sogenannte ioShutter. ioShutter ist das weltweit erste Kamera- auslösekabel für iPhone, iPad und iPod Touch. In Verbindung mit der kostenlosen ioShutter App ermöglicht es die Erstel- lung von Intervall- / Zeitrafferaufnahmen, Langzeitbelichtungen und bietet eine Timerfunktion. Darüber hinaus auch ClapToSnap (akustische) und ShakeToTake (bewegungsgesteuerte) Auslösung der Kamera. Die kostenpflichtige ioShutter PRO App setzt noch eins drauf: Benutzer- definierbare Einstellungen jeder einzelnen Funktion, Timer Einstellung als Vorlaufzeit oder über Datum und Uhrzeit einstellbar, sekundengenaue Intervallaufnahmen bis zu zwei Wochen, regelbare Lautstärke- pegel für ClapToSnap, Programmierung der Gyrosensoren für ShakeToTake. Das ioShutter Auslösesystem ist kompatibel mit iPhone 4S, iPhone 4, iPhone 3GS, iPhone 3, iPod touch 4G, iPad, iPad 2 und iPad 3, sowie im ersten Schritt Kameras von Canon, Pentax, Nikon, Samsung und Hasselblad.
Apropos Kameraeinstellungen: Man könnte annehmen, dass Nachtaufnahmen eine hohe ISO-Einstellung erfordern. Gerade bei Langzeitbelichtungen ist das nicht zu empfehlen (Ausnahme: Ster- nenhimmel). Bleibt die Empfindlichkeit in einem Bereich von 100 bis 400 ISO, wird dies mit mehr Schärfe und satteren Farben belohnt. Ob es sich lohnt, die Kamera-interne Rauschunterdrückung einzuschalten, ist davon abhängig, ob RAW- oder JPG-Dateien angelegt werden. Und gerade bei sehr langen Zeiten ist zu bedenken, dass die interne Rauschunterdrückung die Wartezeit zwischen den Aufnahmen oft mehr als verdoppelt. Der Grund: Die Kamera legt dann einen sogenannten Dark Frame an, belichtet also ein Bild auf schwarz, um das Rauschen zu analysieren und aus dem Bild zu entfernen. Wird das Rauschen nachträglich in einem dafür spezialisierten Programm vorgenommen, lässt sich dieser Vorgang zudem viel präziser steuern, als direkt in der Kamera.

Das grösste Hindernis bei Langzeitbelichtungen ist die Kapazität der Akkus. Der Sternenhimmel auf dieser Seite wurde während 30 Minuten belichtet. Die Ladeanzeige des Akkus stand danach immer noch bei weit über 50 Prozent.
So gesehen sind der Verschlusszeit bei Langzeitbelichtungen keine sehr engen Grenzen gesetzt.

Werner Rolli

Paul Merki