Sportfotografie: hohe Konzentration, schnelle Reaktion, robuste Ausrüstung

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Als Jean-Jacques Ruchti im Zuge einer Image-Kampagne für das Schweizer Formel Eins Team Sauber an der Rennstrecke fotografieren durfte, musste er tief in die Trickkiste greifen, um attraktive Sujets zu erhalten. Die Regeln der Motorsportorganisation FIA sind sehr streng, da muss über jede Testrunde Buch geführt werden. So kam es, dass Jean-Jacques extrem wenig Zeit blieb für seine Aufnahmen – in der ersten Saison war es gerade mal ein halbe Runde. 

Motorsportveranstaltungen sind für Sportfotografen mit vielen Einschränkungen behaftet – schliesslich hat die Sicherheit oberste Priorität. Um Fotos mit einer authentischen Bewegungsunschärfe zu erhalten, behelfen sich praktisch alle Sportfotografen mit einem «Mitzieher» – so bleibt das Fahrzeug scharf, während der Hintergrund verwischt dargestellt wird. Für die Bilder, die sich Jean-Jacques vorgestellt hatte, reichte aber ein einfacher Mitzieher nicht aus. Deshalb hat er einen Sportwagen so ausgebaut, dass dieser auf der Rennstrecke vor dem Formel 1 Boliden herfahren konnte. Während der Fotograf selbst im Kofferraum Platz nehmen musste, wurden mit Hilfe von Foba-Stangen und weiteren Hilfsmittel zwei Generatoren und Blitzleuchten am Auto befestigt. 

Die Episode beweist, dass Fotografen manchmal zu aussergewöhnlichen Methoden greifen müssen, um sich von der Masse abzuheben. Was alle Spezialisten eint, ist ihre Liebe zu ihrem Spezialgebiet. Ob es sich nun um Theater-, Konzert- oder eben die Sportfotografie handelt – ohne profundes Wissen um die Materie wären die besten Fotografen erfolglos. Wie soll man denn einen Wettkampf überhaupt fotografieren, wenn man die Spielregeln nicht kennt und nicht weiss, wer die Favoriten sind? Und dann gibt es in jeder Szene spannende Aussenseiter, Newcomer und alte Hasen, die man kennen sollte. 

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Die Technik ist heute wohl einfacher zu beherrschen als früher. Autofokus und Kameras, die 12 und mehr Bilder pro Sekunde schiessen, sind heute eine Selbstverständlichkeit. Die Mehrfeldbelichtung ist so raffiniert und zuverlässig geworden, dass Fehlbelichtungen eine Ausnahme sind. Gerade bei schnell wechselnden Lichtverhältnissen kann eine Zeit- oder Blendenautomatik den Fotografen bei seiner Arbeit unterstützen. Sind die Lichtverhältnisse konstant, kann auch manuell belichtet werden. 

Wichtig ist bei Objektiven für den Sporteinsatz vor allem die Autofokusgeschwindigkeit. Zur AF-Geschwindigkeit gibt es mehrere Anhaltswerte: Die meisten Hersteller bieten Objektive mit Ultraschallmotoren an – USM bei Canon, SWM bei Nikon, HSM bei Sigma, USD bei Tamron und SSM bei Sony. Ohne diese Motoren wären die meisten Objektive in der Sportfotografie zu langsam. Es kommt allerdings auch auf lichtstarke Objektive und die richtige Einstellung des AF-Modus an. Objektive mit hoher Anfangsöffnung sind immer vorteilhaft. Festbrennweiten sind ausnahmslos lichtstärker als Zoomobjektive und liefern ein Plus an Abbildungsqualität. Wenn auch Zoomobjektive in den letzten Jahren enorme Verbesserungen erfahren haben und die viel beschworenen Unterschiede von blossem Auge oft nicht mehr erkennbar sind. 

Allerdings ist das Fotografieren bei Offenblende in der Sportfotografie nicht immer der Weisheit letzter Schluss, insbesondere bei längeren Brennweiten ist die Schärfentiefe am Ende so knapp bemessen, dass die Trefferquote unweigerlich sinkt. Dass sich der Verfolgermodus (AI Servo bei Canon, kontinuierlicher Autofokus oder AF-C bei Nikon) für bewegte Objekte besser eignet, dürfte unbestritten sein. Um dem Autofokus auf die Sprünge zu helfen, gibt es noch einige Tricks. So kann zum Beispiel die Anzahl der AF-Messfelder reduziert werden, um ihn zu beschleunigen. Zudem ist der mittige AF-Sensor immer am schnellsten. Das hat mit dem Lichtabfall bei den meisten Objektiven gegen die Ränder zu tun, wie auch mit der Tatsache, dass in der Mitte ausschliesslich Kreuzsensoren eingebaut werden, gegen aussen jedoch in aller Regel lediglich Liniensensoren. Wen mehr Schärfentiefe nicht stört und wer nahe genug ans Geschehen herankommt, kann durchaus auch mit Weitwinkelbrennweiten arbeiten und manuell fokussieren. Im Übrigen bestimmt auch die Brennweite, wie lange die Verschlusszeit für einen Mitzieher ausfallen sollte. Reicht bei einem Teleobjektiv eine 125tel Sekunde für einen verwischten Hintergrund, so braucht es mit einem Weitwinkel wesentlich längere Zeiten, so etwa ab einer 30tel Sekunde. Selbstverständlich gibt es keine allgemeingültige Regel für die Verschlusszeit. Letztendlich ist es auch Geschmacksache, wie stark verschwommen ein Bild, bzw. der Hintergrund eines Bildes sein darf. Profifotografen müssen sich mit einem Auftrag einer Zeitung in der Tasche beim Veranstalter akkreditieren, um Zutritt zu erhalten. Oft gibt es speziell abgesperrte Zonen, die ausschliesslich Medienschaffenden zugänglich sind. Das will aber nicht heissen, dass Amateuren keine stimmungsvollen Bilder gelingen. 

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Es muss ja nicht gleich ein Formel 1 Grand Prix oder ein Fussball WM-Spiel sein. Oft sind Sportler wie Veranstalter kleiner, lokaler Events dankbar für gute Bilder. Und wer nach einem lokalen Ereignis gute Bilder abliefert, nach neuen Perspektiven sucht, kann wohl auch an grösseren Events bestehen. Und es gibt immer wieder Ereignisse bei denen die Profifotografen einen entscheidenden Moment verpassen. Dann schlägt die Stunde der Amateure, deren Bilder plötzlich sehr gefragt sind ... «You snooze you loose», heisst ein geflügeltes Wort in der Sportfotografie – wer nicht aufpasst, verliert. Denn im Wettkampf gibt es keine zweite Chance. Wer das entscheidende Tor eines Fussballspiels verpasst, hat Pech gehabt. Allerdings ist ein Knüllerbild eines Tors auch nicht mehr viel Wert, wenn die Mannschaft am Ende doch das Spiel verliert. Um für alle Fälle gewappnet zu sein, setzen Sportfotografen auch immer mehrere Kameras ein. Manche Kameras werden auch vor dem Event installiert und dann ferngesteuert ausgelöst. Jedes Gehäuse ist mit einer anderen Brennweite bestückt. Grosse Zeitungen und Presseagenturen senden an wichtige Ereignisse sowieso mehrere Fotografen, um möglichst umfangreiche Reportagen zu realisieren. Die Speicherkarten müssen möglichst vielen Bildern Platz bieten und entsprechend schnelle Schreibzeiten aufweisen. Denn die schnellste Kamera nützt nichts, wenn die Karte die Bilddaten nicht schnell genug abspeichert. 

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Wer für die Tagespresse fotografiert, muss möglichst schnell JPG-Dateien abliefern. Da bleibt keine Zeit, um RAW-Bilder zu entwickeln. Zudem wäre die Datenmenge unnötig gross. RAW-Daten bieten allerdings den unbestrittenen Vorteil, dass sie mehr Informationen enthalten als JPGs und daher einen immens grossen Spielraum für die Nachbearbeitung bieten. Eine leichte Belichtungskorrektur und das nachträgliche Beschneiden lässt sich notfalls auch an JPG-Dateien bewerkstelligen. Schliesslich haben wir auch in der analogen Fotografie die Bilder im Labor mit Nachbelichten und Abwedeln korrigiert. Doch je weniger man an einem Bild verändert, desto besser. Leichte Korrekturen veredeln gute Bilder. Ist das Ausgangsmaterial aber schlecht, lässt sich auch mit der raffiniertesten Software kaum noch etwas retten. 

Unscharfe Bilder bieten keine Bildinformationen, um sie am Computer noch wirklich scharf zu zeichnen. Aus komplett überstrahlten Bildstellen lässt sich meist auch nichts mehr retten. Wo Bildinformationen schlichtweg fehlen, kann der Computer auch nichts Vernünftiges mehr dazurechnen. Ein wichtiger Schritt am Computer ist hingegen die Beschriftung der Bilder. Im Bildformat JPEG lassen sich viele Informationan als IPTC-Daten mitspeichern. Diese Metadaten, die in der Bilddatei selbst gespeichert sind und so immer eine genaue Zuordnung ermöglichen, bieten viele Möglichkeiten zur Bildbeschriftung. Die EXIF-Daten der Kamera sind aber nicht vollständig genug. Es handelt sich hierbei ja um technische Aufnahmedaten wie Blende, Verschlusszeit, Datum usw. IPTC-Daten hingegen ermöglichen ausführliche Bildlegenden mit Namens- und Ortsangaben, die ein zuverlässiges Wiederfinden der Bilder erst möglich macht. Bildlegenden können bis zu 2000 Zeichen lang sein. Ausserdem sollten möglichst viele Stichwörter notiert werden und zu guter Letzt gehören auch die Kontaktdaten des Fotografen und die Bedingungen zur allfälligen Publikation und Bildrechten in die IPTC-Daten. Viele dieser Angaben bleiben für alle Bilder einer Veranstaltung gleich, sie lassen sich deshalb einfach in gängigen Programmen synchronisieren. Bildspezifische Daten wie die abgebildeten Personen, ihre Funktion und Handlung sind zwingend. Nur so ist gewährleistet, dass die Bildredaktion die Bilder bei Bedarf auch wieder finden und einwandfrei zuordnen kann. 

Neben den IPTC-Daten gibt es vor allem in Adobe-Programmen und einer zunehmenden Zahl anderer Software auch die Möglichkeit der XMP-Daten, die in sehr ähnlicher Form ebenfalls eine ausführliche Vertextung der Bilder mit Metadaten ermöglichen. Ihre Funktionsweise ist ähnlich. Welchen Standard man benutzt, bleibt einem selbst und der verwendeten Software überlassen. Die meisten Programme zur Bildverwaltung unterstützen heute bereits beide Möglichkeiten.

Wer sich den Standort an einer Sportveranstaltung selbst auswählen kann, sucht eine Position, bei der die Sonne tenden-ziell im Rücken steht. Gerade bei seitlich einfallendem Sonnenlicht – das gestalterisch zwar sehr reizvoll ist – kann es zu sehr unschönen Effekten kommen, bei denen Gesichter von Spielern auf der Sonnenseite völlig überstrahlen, während die schattige Hälfte fast komplett schwarz ist. Blitzlicht (z.B. Canon Metz, Nikon oder Sigma) könnte hier zwar Abhilfe schaffen, jedoch sind Systemblitze bei starker Sonneneinstrahlung auf längere Distanzen chancenlos. Bei vielen Trendsportarten wie Snowboard- oder Skiakrobatik werden mobile Blitzgeneratoren eingesetzt, um dramatische Gegenlichtaufnahmen zu realisieren. Allerdings ist ein Standortwechsel bei solch aufwendigen Installationen kaum noch möglich. Zudem ist Blitzlicht an manchen Veranstaltungen nicht erwünscht, insbesondere wenn Tiere im Spiel sind. Wie bei anderen Veranstaltungen auch, muss hier unbedingt vorher geklärt werden, was erlaubt ist und was nicht. Moderne Kameras bieten so hohe ISO-Einstellungen, dass heute Bilder gelingen, die noch vor wenigen Jahren kaum möglich gewesen wären. Das Bildrauschen – sofern es denn wirklich stört – lässt sich mit raffinierten Filtern aus den Bildern herausrechnen.

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Unsere Technik hat sich in den vegangenen Jahren rasant verändert. Dank digitalen Kameras und weiter entwickelten Software-Applikationen sind heute Dinge möglich, die wir einst nicht für möglich gehalten hätten. Doch auch der Sport hat sich verändert. Der Zugang für Fotografen ist heute gegenüber früher sehr stark eingeschränkt. Das hat nicht zuletzt mit der Sicherheit von Sportlern, wie auch den Fotografen zu tun. 

Zur Etikette unter Fotografen gehört auch, dass man sich nicht gegenseitig behindert. Vorrang haben jene Fotografen, die einen Auftrag erfüllen. Zudem dürfen die Sportler in keiner Weise behindert werden und auch zahlende Zuschauer haben ein Anrecht darauf, den Ereignissen folgen zu können, ohne dass ihre Sicht ständig eingeschränkt wird. 

A propos Zuschauer: Auch das Publikum gibt lohnende Sujets her. Solange nicht einzelne Personen aus der Masse herausgepickt werden, sind auch die Persönlichkeitsrechte gewahrt. Aber stimmunsvolle Bilder von jubelnden Fans gehören dazu.         Werner Rolli

 

Werner Rolli