Landschaftsfotografie: Früher Vogel fängt den Wurm

 

Seit den Anfängen der Fotografie stellt die Landschaft als Sujet besondere Ansprüche an den Fotografen. Die Herausforderung besteht darin, eine Landschaft nicht einfach abzulichten, sondern sie zu interpretieren. Trotz all den technischen Möglichkeiten unserer Zeit ist dies nicht einfacher geworden. Gerade weil wir heute so viele Möglichkeiten haben, ist auch die Gefahr der Beliebigkeit grösser. 

Grob gesagt, teilt sich die Fotografengemeinschaft in zwei Gruppen. Da gibt es jene Fotografierende, die jegliche nachträgliche Manipulation des Bildes ablehnen. Wie beim Fotografieren auf Diafilm, so argumentieren sie, müsse alles im Moment der Aufnahme stimmen. Es gibt aber auch viele Fotografen, die uns gerade in der nachträglichen Bearbeitung der Bilder ihre Sichtweise näherbringen. Die erste, wichtige Entscheidung treffen Landschafts-fotografen lange bevor sie überhaupt die Kamera aus der Tasche nehmen: Sie bestimmen den Zeitpunkt der Aufnahme. 

Die frühen Morgenstunden haben zweifellos ihre Vorteile. Abgesehen davon, dass die meisten Mitmenschen noch schlafen, ist die Luft am frühen Morgen klarer als am Abend. Als positiver Nebeneffekt sei noch erwähnt, dass die frühen Morgenstunden auch unserer Gesundheit guttun. Die Farben werden bei Sonnenaufgang mehr Blau- und Violettanteile enthalten. Bei Sonnenuntergang überwiegen die rotgelben Farbtöne. Letztendlich ist es auch Geschmacksache, welche Tageszeit man bevorzugt. Manche Orte sind zudem aufgrund ihrer geografischen Lage prädestiniert für Sonnenaufgänge oder Sonnenuntergänge (eine Westküste wird sich eher für Sonnenuntergänge eignen). Tages- wie auch Jahreszeit verändern eine Landschaft dramatisch. Es lohnt sich also, Landschaftsfotos dementsprechend zu planen. 

Zum Thema Ausrüstung wird viel geschrieben. Viele Landschaftsfotografen bevorzugen Kameras, die eine Dehnung der Schärfentiefe nach Scheimpflug erlauben. Das sind Fach- oder Laufbodenkameras mit verschwenkbarer Standarde, oder in der digitalen Welt Shift-/Tilt-Adapter, die zwischen Body und Objektiv montiert werden. Wird eine Kleinbildkamera verwendet, kann auch ein Shift-/Tiltobjektiv eingesetzt werden. Alternativ dazu gibt es die Möglichkeit, die Schärfentiefe per «Fokusstack» zu dehnen. Dabei werden mehrere Auf-
nahmen mit unterschiedlicher Fokussierung angefertigt, die sich dann in einer Software zusammenfügen lassen. Seit geraumer Zeit ist diese Funktion in Adobe Photoshop integriert. Filter sind in der Landschaftsfotografie ein zentrales Thema. Unverzichtbar sind Polarisations-,
Graudichte- und Verlauffilter. 

Polarisationsfilter helfen, Spiegelungen auf Wasser, Glas und Kunststoffoberflächen zu kontrollieren. Sie haben zudem die Eigenschaft, die Farbsättigung zu erhöhen, Dunst zu verringern und das Himmelsblau abzudunkeln. Polfilter schlucken je nach Stellung bis zu zwei EV an Licht, was aber in der Landschaftsfotografie kein Problem darstellt. Die Kamera ist in den meisten Fällen sowieso auf dem Stativ montiert. Neutrale Graudichtefilter haben lediglich die Aufgabe, Licht zu schlucken. Sie sind unverzichtbar, wenn fliessendes Wasser so fotografiert werden soll, dass die Bewegung im Bild wirklich als fliessend empfunden wird. Dazu ist eine Verschlusszeit von bis zu einer Sekunde nötig, was an einem sonnigen Tag selbst bei tiefster ISO-Einstellung nicht möglich ist. 

Verlaufsfilter sind im Gegensatz zum neutralen Graudichtefilter nicht zwingend neutral, es gibt sie auch eingefärbt. So kann beispielsweise ein orange eingefärbter Filter die Wirkung eines Sonnenuntergangs verstärken, während Magenta die Farben am frühen Morgen intensivieren würde. Selbstverständlich lassen sich die Farben auch über den Weissabgleich beeinflussen. Am besten funktioniert das bei RAW-Files nachträglich in der Bildbearbeitung, wo auch weitere Tools zur Farbanpassung bereitstehen. 

Auch Verläufe und Polfilter sind elektronisch erhältlich. Für welche Methode man sich da entscheidet, ist eher eine Frage der Einstellung gegenüber der Fotografie bzw. der elektronischen Nachbearbeitung von Bildern. Womit wir bei einer heiklen Frage angelangt sind: soll oder darf man Landschaftsbilder nachträglich bearbeiten? Sieht man sich in der Werbung um, ist die Antwort ganz klar ja. Hier wurde schon immer tief in die Trickkiste gegriffen (was auch immer wieder zu heftigen Kontroversen geführt hat). Heute scheint es aber auch grundsätzlich eine weit verbreitete Praxis zu sein, beispielsweise den Himmel auszutauschen. Trend ist heute aber eine andere Methode: Das sogenannte Time Blending oder auch Exposure Blending genannt. Dabei wird ein bestimmtes Sujet mehrfach fotografiert – je nach gewünschter Stimmung kann dies auch mal mehrere Stunden dauern (gerade bei Motiven wie dem Sternenhimmel). 

Da jede Aufnahme eine andere Lichtstimmung hat, lässt sich nun durch das Überblenden der einzelnen Ebenen ein einzigartiges Bild kreieren. Manche Fotografen bevorzugen es, dies manuell zu tun. Mittels Ebenenmasken und deren Deckkraft. Andere wiederum nutzen Luminanzmasken, die Photoshop auf Befehl auch automatisch generiert. In beiden Fällen ist der Effekt – neben der einzigartigen Stimmung – vor allem der, dass die Zeichnung in Lichter- und Schattenpartien erhalten bleibt und genau gesteuert werden kann. 

Das Resultat könnte am ehesten mit einer HDR-Aufnahme verglichen werden. Aller-
dings ist das Blending viel subtiler. HDR-Aufnahmen wirken in der Regel sehr künstlich und überschärft. Mit HDR-Software wird aber in aller Regel auch ein anderes Ziel verfolgt als mit dem Time Blending. Wichtig ist doch am Ende, dass viele Wege zum Ziel führen.

Werner Rolli

 
Werner Rolli