Das Recht am eigenen Bild

 

Immer wieder hört man vom «Recht am eigenen Bild». Was beim Fotografieren und vor allem Benutzen von Bildern zu beachten ist, ist zwar mit keinem speziellen Artikel im Schweizer Recht festgehalten, dennoch besitzt jede Person dieses Recht. Aber was heisst das genau? Das Recht am eigenen Bild (egal ob gezeichnet, fotografiert, gefilmt oder gemalt) ist ein Persönlich-keitsrecht. Jeder Mensch darf grundsätzlich selbst darüber bestimmen, ob und in welchem Zusammenhang Bilder von ihm verwendet werden dürfen. Dies gilt auch für den eigenen Namen und die eigene Stimme. Es gehört aber nicht zum Bereich der menschlichen Existenz und kann somit veräussert, sprich es kann zum Gegenstand vertraglicher Vereinbarungen gemacht werden (im Gegensatz zu unveräusserlichen Rechte wie das Recht auf Leben).

 Die Menschen auf diesem Bild sind "Beiwerk" und ausserdem nicht zu erkennen. Deshalb ist die Publikation dieser Aufnahme unproblematisch. 

Die Menschen auf diesem Bild sind "Beiwerk" und ausserdem nicht zu erkennen. Deshalb ist die Publikation dieser Aufnahme unproblematisch. 

Grundsätzlich gilt: Wer ein Bild einer Person ohne deren Einverständnis veröffentlicht, verstösst gegen das Gesetz. Kommt es zu einer Klage, muss ein Gericht entscheiden, ob diese gerechtfertigt ist, denn es gibt auch Ausnahme-regelungen bzw. Rechtfertigungsgründe, ein Bild auch ohne direktes Einverständnis veröffentlichen zu können. Dabei darf nicht vergessen werden: Es muss sich nicht zwingend um fremde Personen handeln.

Bei der Beurteilung, ob eine Veröffentlichung eines Bildes gegen das Persönlichkeitsrecht verstösst, müssen zwei Dinge berücksichtigt werden: die Art der Abbildung und der Kontext. 

Im öffentlichen Raum ist es teilweise unmöglich, Bilder ohne Menschen darauf zu schiessen. Sei es an touristischen Plätzen, an öffentlichen Veranstaltungen oder an einem belebten Bahnhof. Daher gilt: Wenn sich eine Person in die Landschaft bzw. die Umgebung einfügt und nicht gezielt im Fokus steht, braucht es keine Einwilligung der abgebildeten Person.

Komplizierter wird die Sache, wenn eine Person prominent im Fokus steht, und zwar unabhängig davon, ob diese Person den Fotografen bemerkt hat oder nicht. Posiert also jemand bewusst für die Kamera vor einer Sehenswürdigkeit, muss das noch lange nicht bedeuten, dass sich diese Person auf einer Website, in einem Buch oder einer Zeitschrift wiedersehen möchte. Zeigt sich eine Person mit einer Veröffentlichung (idealerweise bereits vor der Aufnahme) einverstanden, darf das Bild für den bekanntgegebenen Zweck benutzt werden. Achtung: Diese Einwilligung bezieht sich meist nur auf den konkreten Fall und muss nicht für andere, künftige Zwecke gelten. Eine Einwilligung muss aber nicht zwingend explizit ausgesprochen werden. Das Verhalten, die Gestik und die Mimik einer Person können als stillschweigende Einwilligung gedeutet werden (z.B. durch bewusstes Posieren, alleine oder auf einem Gruppenfoto). Ein Strassenkünstler zum Beispiel lebt davon, fotografiert zu werden, Strassen-arbeiter jedoch nicht. Die Einwilligung ist, ausgenommen von wenigen Aus-nahmen, jederzeit frei widerrufbar.

Möglicherweise treffen wir auf eine aus Politik oder Unterhaltung bekannte Person. Dann könnte die Publikation einer Fotografie von öffentlichem Interesse sein. Prominente (Politiker, Künstler, Sportler usw.) können, wenn sie sich in der Öffentlichkeit aufhalten, fotografiert werden. Doch selbst hier gilt, dass die Privatsphäre gewahrt werden sollte (Prinzessin-Caroline-Urteil). Tritt beispielsweise Politiker A. an einer Demonstration als Redner auf, kann er sich kaum gegen die Publikation dieser Bilder zur Wehr setzen. Allerdings könnte es dann Probleme geben, wenn die Fotografie als ausforschend angesehen werden kann, also ein gezieltes (voyeuristisches) Eindringen in das Privatleben darstellt oder wiederum blossen Werbezwecken dient. Auch eine auf Emotionen abzielende Sensations- und Skandalberichterstattung ist nicht zulässig (z.B. Unfallopfer, kompromittierende Situationen …). 

Kinder geniessen höheren Schutz als Erwachsene. Hierbei geht es darum, unter welchen Bedingungen jemand überhaupt eine rechtlich gültige Einwilligung geben kann. Die Person muss urteils- aber nicht zwingend handlungsfähig sein. Das heisst also, sobald eine Person, egal in welchem Alter, Sinn, Tragweite und Nutzen ihrer Handlung erkennen kann, kann diese ihre Einwilligung geben.

Grundsätzlich tritt ein Model, das sich gegen Entgelt fotografieren lässt, seine Rechte ab (Foto oben). Der Fotograf darf sich an diesen Aufnahmen aber nicht unverhältnismässig bereichern, z.B. TFP-Bilder für zigtausend Franken an eine Werbeagentur verkaufen … (TFP = «Time for Print» – kostenloses Shooting mit Bildern als Gegenleistung). Bei Aufnahmen für Firmen-broschüren, Geschäftsberichte usw. ist ein Model Release dringend zu empfehlen, und zwar von Mitarbeitenden genauso wie von allfälligen Kunden.

Mit der Street Photography betreten wir ein sehr heikles Territorium. Dieses Genre lebt davon, Strassenszenen so abzubilden, dass niemand bemerkt, dass er/sie fotografiert wurde. Die Bilder sollen das Leben ungekünstelt und ungeschminkt wiedergeben. Doch grundsätzlich gilt: Wer ein Foto ver-öffentlicht, auf dem eine Person eindeutig zu erkennen ist, braucht deren Einverständnis. Das stellt Fotografen, die sich auf die Strassenfotografie spezialisiert haben, vor besondere Herausforderungen. So wurde unlängst eine Aufnahme von Espen Eichhöfer (Agentur «Ostkreuz») aus einer Ausstellung im Ausstellungshaus «C/O Berlin» auf Begehren einer abgebildeten Dame entfernt. Sie sah durch die Aufnahme ihr Persönlichkeitsrecht verletzt.

Andererseits hat ein Gericht in den USA zu Gunsten des Fotografen Philipp Lorca DiCorcia entschieden. Er hatte Passanten ohne deren Wissen in Nahaufnahme fotografiert. Die Bilder wurden in einer renommierten Galerie gezeigt und zum Kauf angeboten. Dagegen wehrte sich einer der Ab-gebildeten, Erno Nussenzweig. Seine Begründung: Mit der Aufnahme seien seine Privatsphäre und seine religiösen Gefühle verletzt worden. Ausserdem beweise der Verkauf der Bilder, dass der Fotograf kommerzielle Zwecke ver-folgt habe. Das Gericht verneinte die Verletzung der Privatsphäre (die Auf-nahmen entstanden am belebten Times Square) ebenso wie das Argument der religiösen Integrität. Schliesslich gestand das Gericht dem Fotografen zu, dass auch ein Künstler (der sich über Monate hinweg dieser Arbeit gewidmet hatte) irgendwie seinen Lebensunterhalt bestreiten muss. Die Aufnahmen wurden nicht zu Werbezwecken verwendet, sondern lediglich als künstlerisches Projekt angefertigt. Ob ein Gericht in der Schweiz hier auch im Sinne des Fotografen entschieden hätte, ist zumindest fraglich. 

Grundsätzlich darf alles fotografiert werden, was öffentlich zugänglich ist oder von öffentlichem Grund aus zu sehen ist … («if you see it, you can shoot it»). Allerdings gibt es Ausnahmen wie etwa militärische Anlagen. Es lohnt sich, vor einer Reise abzuklären, was im Gastland allenfalls heikel ist (Regierungs-gebäude, Bahnhöfe, Flughäfen usw.). In US-Nationalparks beispielsweise darf man fotografieren soviel man will. Werden aber die Aufnahmen kommerziell verwertet, braucht man dazu eine Bewilligung.

Wird Privatgrund betreten, um die Aufnahme zu machen, ist dies proble-matisch. So kann z.B. in einer Ausstellung oder einem Park u.U. fotografiert werden, der Besitzer/Gastgeber kann das Fotografieren aber auch verbieten. Unter Privatgrund fallen auch Einkaufszentren, Bahnhöfe (SBB), Flughäfen oder die Gelände von Sport- und Musikveranstaltungen. Deshalb ist dort eine Bewilligung notwendig. In der Regel wird das Fotografieren aber geduldet, solange es sich nicht um kommerzielle Aufnahmen handelt (Erinnerungs-
bild, Selfie usw.).

Eine Ausnahme stellt die redaktionelle Berichterstattung dar. Bildjournalisten melden sich beim Besitzer bzw. dem Veranstalter an, können sich ausweisen und haben in der Regel einen klaren Auftrag.

Bauwerke geniessen – zumindest in der Schweiz – keinen urheberrechtlichen Schutz und dürfen deshalb fotografiert werden (Panoramafreiheit). Dies gilt selbst dann, wenn das Bild kommerziell verwendet wird, z.B. auf einer Postkarte, in einem Bildband oder einer touristischen Werbung. Selbst ein Firmensitz darf fotografiert werden, (z.B. Swisscom, UBS), aber das Gebäude selbst bzw. das Firmenlogo, darf nicht für Werbezwecke missbraucht werden (Beispiel: Telefonsex mit Swisscom-Logo).

Andere Länder, andere Sitten: Lange Zeit war es verboten, Bilder mit dem Eiffelturm (kommerziell) zu nutzen. Das Urheberrecht am Turm selbst ist unterdessen erloschen. Untersagt ist jedoch die Verwendung von Nachtaufnahmen (des Eiffelturms), weil die Lichtshow urheberrechtlich geschützt ist. Unter diese Sonderregelung fallen auch andere Gebäude wie etwa das Chrysler Building in New York oder das Museum of Modern Art in Bilbao.

Die Panoramafreiheit ist eine in vielen Rechtsordnungen der Welt vorgesehene Einschränkung des Urheberrechts von Künstlern / Architekten an ihrem Werk. Sie erlaubt es, Gebäude oder auch eine bleibende Installation, die grundsätzlich urheberrechtlich geschützt, aber von öffentlichen Verkehrswegen aus zu sehen sind, bildlich wiederzugeben, ohne dafür die sonst erforderliche Genehmigung einholen zu müssen. Dies betrifft sowohl die Fotografie selbst wie auch ihre Veröffentlichung.

In der Schweiz dürfen Werke, die sich bleibend auf allgemein zugänglichem Grund befinden, frei abgebildet werden. Die Abbildung darf laut Gesetzestext «angeboten, veräussert, gesendet oder sonst wie verbreitet werden» (Art. 27 Abs. 1 URG – Werke auf allgemein zugänglichem Grund). Allerdings besagt Abs. 2, dass die Abbildung «nicht dreidimensional» (als Modell) und «auch nicht zum gleichen Zweck wie das Original» verwendet werden darf.

Innenräume gehören nicht zur Öffentlichkeit. Deshalb sind kommerzielle Aufnahmen von und in Innenräumen nicht automatisch, sondern meistens nur mit Bewilligung erlaubt. Zudem sind Kunstwerke urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht so fotografiert werden, dass sie originalgetreu reproduziert werden können. 

Aufnahmen in Museen sind oft auch deshalb verboten, weil die Exponate (z.B. Ölgemälde) durch den Einsatz von Blitzlicht Schaden nehmen könnten. 

Ein Erinnerungsbild im Museum (wie dem Verkehrshaus in Luzern) ist in der Regel unbedenklich, solange es nicht kommerziell verwertet wird. Für eine kommerzielle Verwertung ist ein Property Release, also eine schriftliche Einwilligung des Besitzers, zwingend notwendig.    

fomak

 
Werner Rolli