Makrofotografie ist die Kunst, die kleinen Dinge zu sehen, die niemand wahrnimmt

Um gute Bilder von Details wie Blüten oder Insekten zu realisieren, braucht es in erster Linie ein gutes Makro-Objektiv, denn mit einem Standardobjektiv gelingen Aufnahmen mit dem gewünschten Abbildungsmassstab nicht. Am besten sind natürlich festbrennweitige Makroobjektive, wie sie beispielsweise von Sigma, Canon, Tamron, Nikon und anderen Herstellern angeboten werden. Makroobjektive sind speziell für den Nahbereich entwickelt und korrigiert. Mit Makroobjektiven kann man viel näher an ein bestimmtes Sujet herangehen als mit herkömmlichen Objektiven. Aufgrund der aufwendigen Konstruktion sind Makroobjektive zwar etwas teurer, dafür bieten sie Bilder mit ausgezeichneter technischer Qualität. 

© David Bianchi

© David Bianchi

Makroobjektive gibt es mit verschiede­nen Brennweiten, in der Regel von 50 bis ca. 200mm. Welche Brennweite man bevorzugt, hängt weitgehend davon ab, was man fotografiert. Gerade bei Kleinstlebewesen muss die Fluchtdistanz berücksichtigt werden. Deshalb sind Objektive mit längeren Brennweiten hier geeigneter. Da Makroobjektive in der Regel sehr lichtstark sind (ab 1:2,8) lassen sich Brennweiten ab 90mm auch gut für die Porträt- oder die Bühnenfotografie einsetzen. 

Als preisgünstige Alternative zum Makro-objektiv sind im Fachhandel Nahlinsen erhältlich. Diese werden auf das Objektiv geschraubt oder in einen Filterhalter eingesteckt. Sie wirken wie eine Lupe. Damit lassen sich Nahaufnahmen realisieren, die qualitativ sehr gut sind. Zwischenringe werden zwischen Kamera und Objektiv angesetzt und vergrössern den Auszug des Objektivs. Dadurch können Aufnahmen aus kürzerer Distanz gemacht werden. Zu beachten ist allerdings, dass manche Zwischenringe nicht mit Autofokus und Belichtungsautomatik der Kamera harmonieren.  

Noch besser als Zwischenringe sind Balgengeräte, die ebenfalls zwischen Objektiv und Kamera montiert werden. Der Balgen ermöglicht nicht nur Aufnahmen aus kürzester Distanz, sondern auch eine äusserst präzise Fokussierung. Teurere Modelle übernehmen auch die Automatikfunktionen der Kamera. Da die ganze Vorrichtung recht schwer werden kann, ist die Verwendung eines Stativs unumgänglich. Schliesslich besteht noch die Möglichkeit, mit Hilfe von Umkehrringen ein Weitwinkelobjektiv für Makroaufnahmen zu nutzen. Dieses wird – wie der Name Umkehrring schon andeutet – dann umgekehrt an der Kamera montiert. Die Bildqualität wird besser, je näher das Objekt am Objektiv liegt. Umkehrringe von Novoflex können alle Automatikfunktionen der Kamera übertragen. Weitere wichtige Accessoires sind Winkelsucher, Stative, Klammern, Spiegel und andere Aufheller.  

© David Bianchi

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Die Fotografie im Nahbereich stellt in Bezug auf die Belichtung eine besondere Herausforderung dar. Je nach Lichteinfall werfen Fotograf und Kamera nämlich Schatten auf das Sujet. Es ist also empfehlenswert, im Gegenlicht oder Seitenlicht zu fotografieren. Dies birgt wiederum die Gefahr von tiefen Schatten, die wir am besten mit einem kleinen Reflektor aufhellen. Unter Umständen kann auch ein kleiner Spiegel helfen, Glanzlichter zu erzeugen. Es lohnt sich durchaus, einmal an einem eher trüben Tag zu fotografieren. Dann wird nämlich das Licht viel mehr gestreut, harte Schatten fallen weg und bei der richtigen Belichtung und dem korrekt gewählten Weissabgleich leuchten die Farben erstaunlich brillant. Auch ein grosses Fenster kann eine hervorragende Lichtquelle sein. 

Blitzgeräte sollten entfesselt, am besten seitlich des Motivs, platziert werden. Dabei sollte ein Blitz als Hauptlicht, der zweite als Aufhelllicht eingesetzt werden, um eine zu flache Ausleuchtung zu vermeiden. Soll das Innenleben einer Blüte, eine Briefmarke oder ein sehr kleines Detail im extremen Nahbereich fotografiert werden, hilft nur noch ein Ringblitz. Dieser wird am Filtergewinde des Objektivs befestigt und liefert eine nahezu schattenfreie Ausleuchtung. Sollte dies nicht erwünscht sein, so lässt er sich so steuern, dass eine der beiden bogen- förmigen Blitzröhren ausgeschaltet wird. So erhält man ein Seitenlicht, das dem Sujet mehr Tiefe verleiht.

Je näher unser Motiv, desto geringer ist die Schärfentiefe. Dies kann bei Makroaufnahmen schnell zur besonderen Herausforderung werden. Die Schärfentiefe lässt sich mathematisch berechnen. Es gibt aber im Web gute Beispiele wie etwa die Schärfentiefetabelle auf «alternativen.pro». Das bildwichtige Detail muss scharf abgebildet sein. Je grösser der Abbildungsmassstab, desto grösser wird die sogenannte förderliche Blende. Aufgrund der Bewegungsunschärfe nimmt die Bildqualität nämlich ab statt zu. Kann bei einem Abbildungsmasstab von 1:1 im Vollformat noch mit Blende 16 fotografiert werden, verringert sich die optimale Blende bei einem Abbildungsmassstab von 5:1 auf F5.6. Die Schärfentiefe ist zudem auch vom Format des Sensors abhängig. 

Ist dennoch ein Bild mit möglichst viel Schärfentiefe gewünscht, oder soll diese noch genauer gesteuert werden, hilft nur noch ein Fokus-Stacking. Hierbei wird das Motiv mehrfach fotografiert. Zwischen den einzelnen Aufnahmen wird aber der Fokus verschoben (in der Regel von vorne nach hinten). Dies wird erreicht, indem man am Fokusierring des Objektivs dreht, oder aber die ganze Kamera – am besten auf einem Einstellschlitten montiert – langsam bewegt. Dabei sollten sich, ähnlich wie bei Panorama-Aufnahmen, die einzelnen Bilder leicht überlappen. Das Motiv selbst sollte sich natürlich während den Aufnahmen nicht bewegen. Grundsätzlich ist die Verwendung von Stativ und Fernauslöser empfehlenswert. Spiegellose Systemkameras sind übrigens im Vorteil, wenn es um die genaue Fokussierung geht. Beim manuellen Fokussieren stehen zahlreiche Einstellhilfen zur Verfügung und der Autofokus erkennt mit Hilfe des Sensors beim Liveview die Schärfe anhand von Kanten und Kontrasten. 

Wichtig für ein erfolgreiches Fokus-Stacking sind schliesslich auch eine gleichbleibende Beleuchtung der einzelnen Bilder, sowie eine durchgängig gleiche Helligkeit (Belichtung). Die Anzahl Aufnahmen ist abhängig vom Sujet, der Blende und dem gewünschten Effekt. Die fertigen Bilder werden wahlweise in Lightroom vorbereitet und dann als Ebenen in Photoshop oder eine andere Stacking-Software wie Helicon Focus oder Zerene Stacker exportiert. Diese Programme richten die Aufnahmen präzise aus und rechnen dann aus allen Fotos die schärfsten Details zu einem neuen Bild zusammen. Fokus-Stacking ist natürlich nicht auf die Makrofotografie beschränkt, sondern findet zunehmend Anhänger in der Landschafts- und Architekturfotografie. 

Fotos: David Bianchi
Text: Werner Rolli

Werner Rolli